Unpassende Propaganda am Babylon!

Wie man der Presse entnehmen konnte, scheinen beim Geschäftsführer des Babylon, Timothy Grossman, alle Sicherungen durchgebrannt zu sein. Am Abend des 06.10.2015 beobachteten die streikendenden Babylon-Mitarbeiter, wie Grossman angetan mit gelber Warnweste (Remineszenz an die ver.di-Westen) David-Sterne auf die Glastüren des Kinos sprühte. Außerdem liess er ein riesiges Banner über dem Eingang anbringen – was ein wenig dauerte, da einige der nicht streikenden Kollegen sich weigerten. Dort stand: „BOYKOTT! Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht im Babylon!“
Ein schockierendes Bild.
Worum geht es?
Die seit Monaten mit ver.di Streikenden hatten Zuschauer per Handzettel aufgefordert, nichts im Kino zu konsumieren, wenn sie auf dem Kinobesuch nicht verzichten können. Das ist ein probates und übliches Mittel des Arbeitskampfes – schließlich geht es darum, ökonomischen Druck auf Geschäftsinhaber zu erzeugen und diese so zum Einlenken, sprich: Verhandeln zu bewegen. Denn genau das tut Grossman nicht. Er will nicht nur nicht verhandeln, sondern verweigert jegliches Gespräch mit der Gewerkschaft. Stattdessen setzt er auf das Säen von Hass, verbreitet Lügen und Verleumdungen und stellt sich als Opfer einer „antisemitischen Verschwörung“ dar.
Wie kommt er darauf?
Persönlich motivierte Sachbeschädigungen eines einzelnen Mitarbeiters lange vor dem Streik deutet er wider besseren Wissens zur antisemitischen Tat.
Daraus leitete er dann eine gegen ihn gerichtete „Verschwörung“ mit angeblich antisemitischem Hintergrund ab – um ihn zu stürzen und sein Werk zu vernichten.
Wir können einfach nicht glauben, dass er das selbst glaubt. Dann wäre er ja wirklich wahnsinnig und als Geschäftsführer nicht mehr tragbar. Aber im anderen Fall, dass er solch ein irrwitziges Konstrukt gegen einen legitimen Streik instrumentalisiert, um diesen zu zerschlagen – wäre er dann noch tragbar?
Nicht nur uns erinnert das an den Wahn paranoider Diktatoren, die sich von Feinden umzingelt sehen, sich in ihrer Festung verbarrikadieren und unkontrolliert um sich schlagen. Unkontrolliert? Wir wissen es nicht. Aber auf jeden Fall in sehr, sehr klein. Was nicht heisst, dass es sich um eine lächerliche Lappalie handelt.
Es ist keine Lappalie, Mitarbeiter und zweifelsfrei antifaschistische Gewerkschaften zu diffamieren und zu verleumden. Und erst recht keine, durch eine solche Banalisierung antisemitischer Schandtaten alle wirklichen Opfer des Antisemitismus zu verhöhnen.

Zitate:

- „Diese völlig irrationale Aktion des Arbeitgebers rückt den legalen Streik der Beschäftigten um höhere Löhne in die Nähe von nationalsozialistischen Umtrieben, Gewaltaktionen und Pogromen. „ver.di distanziert sich von derlei Aktionen, die auf unerträgliche Art und Weise Aufmerksamkeit erheischen sollen“, so Andreas Köhn. ver.di fordert den Eigentümer des Kinos, Herrn Timothy Grossman auf, diese Aktion unverzüglich einzustellen.“ Andreas Köhn, Verhandlungsleiter ver.di / Pressemitteilung

- „Machen wir es einfach und kurz: wer Symbole und Sprüche aus der dunkelsten Zeit Deutschlands und der ganzen Welt dazu nutzt um auf seinen eigenen Kram aufmerksam zu machen, bei dem spiele, lese, rede ich nicht. Ich finde es von jeder Seite und in jede Richtung infam, falsch und schlecht.“ Thees Uhlmann zur Begründung der Verlegung seiner Autoren-Lesung am 08.10. aus dem Babylon ins Columbia-Theater

- „unglaublich geschmacklos“ Tim Renner, Staatssekretär der Kultur, Berlin 12.10.15

- „… höchst unpassend“. RBB Abendschau vom 07.10.15

- „Eine „Kunstaktion“ soll es sein, doch der Protest des jüdischen Eigentümers gegen streikende Mitarbeiter weckt böse Erinnerungen an die Pogrome der Nazis.“ Tagesspiegel vom 07.10.15

- „Was also darf Kunst? Sie darf alles. Aber einen mittlerweile vermutlich von den Beteiligten auch als persönlich verstandenen Konflikt um einen Tarifvertrag auf eine derart beleidigte Art Weise an die Öffentlichkeit zu zerren und mit einer derartigen Verharmlosung der Nazigräuel in einen Arbeitskampf eingreifen zu wollen, ist keine Kunst. Das ist einfach nur schäbig.“ Neues Deutschland, 09.10.15